Ist die Kommunalpolitik frauenfeindlich?

(17.03.2022)


Worauf führen Sie die noch immer niedrige Frauenquote das Bürgermeisterinnenamt betreffend zurück?
„Ich denke, dass vor allem im ländlichen Raum die niedrige Frauenquote doch noch sehr stark auf das typische alte Frauenbild zurückzuführen ist, wo die Aufgabenaufteilung noch lange nicht zeitgemäß ist und die Kompetenz für solche Positionen und Politik generell immer noch eher den Männern zugeschrieben wird. Auch die nach wie vor schwere Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt eine Rolle. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Frauen nicht immer dieselben Möglichkeiten der Weiterentwicklung geboten werden wie Männern. Natürlich, das muss man ganz klar sagen, ist die Politik generell ein hartes Pflaster und in der Öffentlichkeit stark negativ belastet, das ist sehr schade, denn Politik kann auch eine sehr schöne und erfüllende Aufgabe sein. Frauen müssen sich in der Politik um ein Vielfaches mehr beweisen, um dieselbe Anerkennung zu bekommen und sich Respekt zu verschaffen, als Männer. Ein wesentlicher Grund ist aber sicherlich auch, dass Männer gerne „die erste Reihe“ selbst besetzen und deshalb Frauen nicht ans Ruder lassen!“

Wo ansetzen um mehr Frauen zu motivieren für das Bürgermeisterinnenamt zu kandidieren?
„Jeder, der in einem politischen Gremium ist, muss zuerst bei sich selbst ansetzen und seine eigene Einstellung zu diesem Thema hinterfragen. Ist der eigene Rock, Machterhalt und Freunderlwirtschaft oft wichtiger als vernünftige und kompetenzorientierte Entscheidungen? Frauen wird immer noch oft der Weg in Spitzenpositionen verwehrt, und oft fallen die tatsächlichen Entscheidungen in politischen Parteien und Gremien in einem „Inner Circle“, der dann meist nur von Männern besetzt ist. Frauen werden oft benutzt, um Quoten zu erfüllen oder nach außen ein Bild zu wahren, das nach innen ganz anders erscheint. Das muss sich ändern! Man sieht es auch an den Zahlen: Es gibt viele Frauen in der zweiten oder dritten Reihe, aber – ausgenommen in der Landesregierung – viel zu wenige in Führungspositionen. Wir Frauen müssen noch viel mehr zusammenstehen, uns gegenseitig stärken und einfordern, was uns zusteht. Wir haben es drauf und die Politik muss dringend weiblicher werden!“

Welche organisatorischen und strukturellen Maßnahmen müssen gesetzt werden, damit mehr Frauen politisch tätig sein können?
„Da müssen wir bei den Rahmenbedingungen anfangen – Kinderbetreuung, Aufgabenverteilung in Haushalt und Kindererziehung, gleiches Geld für gleiche Leistung und Gleichstellung bei der Vereinbarkeit von Familie/Beruf und politischem Mandat. Dringend notwendig wäre auch die soziale Absicherung von Frauen in politischen Ämtern, wie z. B. nach einer Geburt. Sitzungszeiten. Rahmenbedingungen werden in erster Linie an die Bedürfnisse von Männern angepasst, Frauen haben sich dann daran zu halten und scheitern oft an der Mehrfachbelastung. Und – fangen wir doch noch viel niederschwelliger an – hauptsächlich Frauen arbeiten in unterbezahlten, „typischen“ Frauenberufen, wie in der Pflege, Kinderbetreuung, im Handel und anderen Dienstleistungsunternehmen. Wir Frauen halten zu einem großen Teil die Familie zusammen, kümmern uns um die Erziehung und die Pflege unserer Eltern – wenn mehr Männer diese Aufgaben erfüllen würden, wäre es auch mit den Rahmenbedingungen besser. Grundsätzlich bin ich keine Verfechterin einer Frauenquote, aber solange es keine Gleichstellung zwischen Mann und Frau gibt, braucht es diese leider. Und da haben wir noch ganz viel Luft nach oben! Wir sollten ganz früh ansetzen und Frauen niederschwellig noch mehr Angebote ermöglichen, in denen sie das notwendige Selbstbewusstsein und den notwendigen Rückhalt bekommen, um sich das zuzutrauen, was sie durchaus können – nämlich gute, sachliche und menschliche Politik zu machen. Es ist ein weiter Weg dahin und viele Frauen scheitern daran und tun sich das ganz einfach nicht an. Wir Frauen dürfen nicht darauf warten, dass uns Männer den Vortritt lassen. Wir müssen uns besser vernetzen, motivieren und unterstützen, damit wir unsere wahren Stärken auch zeigen können. Eine Frau braucht nicht „ihren Mann zu stehen“, denn eine Frau hat selbst die Qualität Führungspositionen in Wirtschaft und Politik zu bekleiden. Kompetenz hat kein Geschlecht. Sehr wohl aber ist uns Frauen von Natur aus zu vielen Themen ein anderer Zugang und eine andere Sichtweise gegeben, und gerade diese Vielfältigkeit und Bündelung von Sichtweisen und Zugängen müsste noch mehr in Entscheidungen einbezogen werden, das wäre ein enormer Mehrwert für die Politik. Das Leben ist nicht nur schwarz und weiß, es ist bunt, vielfältig und - vor allem - weiblich!“