Was macht eine Gemeinde fortschrittlich?

(18.01.2022)


Was macht eine Gemeinde fortschrittlich?

Was macht eine Gemeinde zukunftsfähig? Was macht ein Abwanderungsgebiet zu einer fortschrittlichen Gemeinde? Eine gängige Antwort darauf lautet: schnelles Internet und Wirtschaft. Selbstverständlich sind beide wichtig, aber sie sind keine Allheilmittel! Es wird immer wichtiger, lebendigen Beziehungen zwischen Menschen ins Zentrum des dörflichen Lebens zu stellen.

Mit den vermehrten Stadtflüchter*innen und damit verbunden, dem Hineintragen neuartiger Ansichten in Gemeinden, sind es nicht mehr nur Fußballvereine, Chöre, Trachtengruppen und Freiwillige Feuerwehren, die die ländliche Bevölkerung ausmachen, sondern auch Meditationsgruppen, Modellflugvereine, Feinschmecker mit einer Leidenschaft für gutes Essen und einem breiten Wissen darüber, Aussteiger*innen oder Jungunternehmer*innen.
Bezirksstädten, Gemeinden und Regionen ist es möglich, sich selbst neu zu erfinden, wenn sie ihre „menschlichen Kraftquellen“/ humanen Potentiale fördern und verbessern, denn eine Gemeinde braucht eine aktive Bevölkerung, um innovativ sein zu können. 
In Anlehnung an Jeremy Rifkin wird das Bild eines dreibeinigen Hockers zur Veranschaulichung dafür gewählt:
 
Dafür braucht es:
Lokale Visionär*innen, wie Bürgermeister*innen/ Mandatar*innen, die Innovationen selbst vorantreiben oder zulassen Dies setzt Offenheit, aktuelles Know How und den „Blick über den Tellerrand“ voraus. Abgesehen von fixen Gegebenheiten wie (relativ) fixen Finanzen oder Haftungsrisiken, können Bürgermeister*innen ihre eigene Rolle unterschiedlich auslegen. Als zwei gegensätzliche Stereotypen kommen der „Entscheider“ (der das meiste selbst überlegt, selbst tut und weiß) oder „der Ermöglicher“ (der vorrangig delegiert und externe Einflüsse in größerem Ausmaß fördert, diese dann bewertet, strukturiert und in Gremien abstimmt) in Betracht. Zwischen diesen Polen besteht, je nach Persönlichkeit und Präferenz, breiter Spielraum.
Als Anregung dazu:
Haben Sie sich schon einmal überlegt, dass eine neue Bürgermeister*innen-Rolle Sie auch entlasten könnte? Denn laut einer Bürgermeister*innen-Umfrage, veranlasst vom Österreichischen Gemeindebund 2019, sehen sich Bürgermeister*innen zu 65 Prozent und Bürgermeister zu 55 Prozent einer sehr großen Belastung ausgesetzt. 
Die detaillierten Umfrageergebnisse siehe unter Link: https://gemeindebund.at/buergermeisterumfrage-verantwortung-steigt-soziale-absicherung-fehlt

Standortmarketing - das Hervorheben spezifischer Alleinstellungsmerkmale der Gemeinde:
Für eine kommunale Innovationspolitik wird es erforderlich, lokale Besonderheiten herauszuarbeiten. Dabei gilt es, das Alleinstellungsmerkmal so zweckdienlich hervorzuheben, dass es als Werbebotschaft für eine bessere Zukunft erkennbar und nach außen getragen werden kann. Auch vermeintliche Nachteile können als Vorteile vermarktet werden, nämlich im Wettbewerb, 
- was die Gemeinde auszeichnet? 
- wo die Gemeinde sich hin entwickeln kann? 
- wie man, an ein seitens des Gemeinderates, auf Basis eines Ideen-Wettbewerbs unter den Zielgruppen, definiertes Ziel kommt
Unterstützend können dabei, die Standortdatenbank sowie Personal-, Gemeinde- und Gemeinwesenentwicklungskonzepte über Gemeinschaftsprozesse wirken, die die Einfluss-, Beteiligungs- und Wahlmöglichkeiten der vor Ort lebenden Menschen erhöhen. Hieraus kann ein demokratisches Leben über solidarischen Umgang entstehen. Dabei ist es wesentlich, dass jede*r Bürger*in persönliche Interessen mit jenen der anderen in Zusammenhang bringt.
Aus wissenschaftlicher Sicht gehört zu dieser Art der Gemeindeentwicklung die Teilnahme an gemeinschaftlichen Aktionen und der Austausch, der daraus abgeleiteten Ergebnisse. Das Ziel ist Verständnis und Konsens durch gegenseitige Beratung zu erreichen. 
Gemeinde wird heute vermehrt als ein Gefühl der Einheit, als solidarische Bindung und Verpflichtung, durch welche es gelingt, Unterschiede zu überwinden, definiert, was sich auf die Lebensqualität aller Ortsansässigen auswirkt. Hierfür wird

glokales Orientieren, Denken und Handeln benötigt
Das Wort „glokal“ setzt sich aus den Wörtern global und lokal zusammen und bedeutet nichts anderes, als "das Beste aus beiden Welten" zu kombinieren. Damit ist die Anbindung der Gemeinde an die globalisierte Welt gemeint. Das ist nicht das Aufgeben von Traditionen, denn die Liebe zur Heimat bildet die Grundlage selbstbewusster Gemeindeentwicklung. 
Die Weltoffenheit wird für Gemeinden existenziell: 
Durch unterschiedliche wissenschaftliche Ausarbeitungen ist bekannt, dass in Gemeinden das Lebensgefühl und damit das psychische Wohlbefinden vom Wohn- und Arbeitsumfeld eines Menschen beeinflusst ist. Ob sich Jemand in seiner Gemeinde/ in seinem Dorf geborgen und wohl- oder nur ansässig fühlt; dort nur wohnt, ein "zu Hause" hat oder sich beheimatet fühlt, dies ist nicht von der Raumplanung, der Ortsbildpflege, Wirtschafts- und Strukturförderung oder gar von der Arbeitsplatzschaffung abhängig, sondern viel mehr von der emotionalen Lebensqualität, die geboten wird.

Unter Lebensqualität wird von dem finnischen Soziologen Erik A. Allardt Wohlstand, Bildung, Gesundheit, Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen (von der Familie bis zur Gemeinde), Selbstverwirklichung und Sinnfindung durch Beteiligung erklärt. Daher werden Demokratisierung, Klimawandel, Bildung und Gesundheit unwiderruflich zu Teilen der Gemeindeentwicklung, wofür die "Verstädterung" des dörflichen Raumes wichtig ist. Sie befördert neue Sichtweisen, aber auch neues Leben in langjährige Strukturen. Das unterstützt die örtliche Wirtschaft genauso, wie die Entwicklung der Gemeinde. Wichtig ist dabei die Einbindung der Menschen, wofür es Mut, Flexibilität und Visionen braucht, um neuartige Methoden, modernes Handeln in der Gemeinde zu etablieren. 

Bausteine für innovatives (neues) Handeln können sein:
Durchführung einer Standortanalyse und Entwicklung eines Standortkonzeptes für den Aufbau eines Gemeindeimages: 
           Was läuft gut? 
           Wo gibt es Verbesserungspotential? 
           Wohin soll sich Gemeinde entwickeln? 
           Was sind die Ziele dabei? 
           Was gibt es im Gemeindeumfeld?
           Welche Ressourcen, Fähigkeiten und Potentiale sind vorhanden?
           Wer sind die Zielgruppen?
           Welche Visionen habe, ich als Bürgermeister, die Mandatare und die Zielgruppen zum
           aufgeworfenen Thema?
Wichtig ist dabei, nicht nur an Wirtschaft/ Tourismus zu denken, sondern auch die Bevölkerung dabei ins Boot zu holen. Was so viel heißt, wie Prozesse einzuleiten, die sowohl den Bedarf der Gemeinde, als auch die Bedürfnisse der Bevölkerung durch Beteiligung am Prozess abdecken.

* Einführung eines modularen Meinungsmonitorings: 
Dies ist ein auf Bausteinen aufgebautes Umfragesystem, um schnell und zuverlässig Meinungen zu Gemeindeprojekten abzufragen, damit unnötige Fehlentscheidungen, kostenintensive Planungsvorbereitung und Wiederstände der Bevölkerung vermieden werden können. Das modulare Programm kann somit Antworten zu Wohn-, Lebensqualität, zu Ortsplanung, zu Sicherheit, Steuern, Kultur-, Bildungs-, Jugendfragen, Einkaufsmöglichkeiten und Verkehr unter Einbeziehung aller Bevölkerungsgruppen einer Gemeinde liefern.

* Standortmarketing mit Modernisierung der Kommunikation:
Aufgrund der Gesellschaftsentwicklung wird es für Gemeinden zukünftig unumgänglich ihre Vorhaben der Bevölkerung mitzuteilen und verständlich zu machen. Erst wenn die Bürger*innen verstehen, warum Projekte oder Veränderungen erforderlich sind und was sie bewirken, kann Verständnis und Zustimmung dafür erlangt werden. Behilflich dabei können sein: Social Media, Informationsmaterialien, Informationsveranstaltungen, eine transparente Gemeindekommunikation nach innen und nach außen, einheitlicher Schriftverkehr, Erarbeitung von (Legislatur-)Leitbildern mit Bürger*innenbeteiligung uvm.

* Personal-, Gemeinde-, Orts- und Gemeinwesenentwicklung mittels „Inspiration bei Megatrends suchen“ oder eine Analyse zur Managementprofessionalität der Gemeinde durchführen und Weiterbildung dazu zu fördern. Denn für Gemeinden gilt, wie in jeder anderen Organisation auch:
- motivierte Mitarbeiter*innen sind der Schlüssel zum Erfolg 
- Zusammenarbeit von Gemeinde mit und zwischen allen Ortsansässigen zu fördern, führt zu Fortschritt
- Verbesserung und Veränderung der Serviceleistungen der Gemeinde für die Bevölkerung, fördert Zuwanderung
- Aufbrechen von Machtsilos und Strukturen, die für Egoismen stehen, sind nicht mehr zeitgemäß 
- Etablierung von dauerhaftem Nachdenken zur Weiterentwicklung der Gemeinde durch die Mitarbeiter*innen, befähigt die Verwaltung 
- Technologieerweiterung, unterstützt und erleichtert neue Prozesse.

Eine Gemeinde kann dabei fortschrittlicher sein als eine Stadt.